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Das Herz Madrids

Detlef Zunker

   

 

März 2004

Die Nacht, sollte man meinen, ist kein schlechter Ort zum Nachdenken, insbesondere für diejenigen, die nicht schlafen können. Ein Ort, der in diesen Tagen hilft, sich zu besinnen, ist der Bahnhof Atocha in Madrid, dem Ort, an dem sich vor einer Woche das blutigste und grausamste Massaker in der Geschichte Spaniens nach dem Bürgerkrieg ereignete.


Der kühle Kuppelbau mit seinen riesigen hohen Fensterscheiben, der an eine protestantische Kirche des Nordens aus den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts erinnert, hat sich zu einem Wallfahrtsort der Trauer und des Mitleidens entwickelt.

Wenn der Reisende das Gebäude betritt, das von allen Seiten den Zugang zu den Regionalzügen ermöglicht, trifft er in der Nähe der Bahnsteige auf eine Kirche des Volkes. Es ist eine einzigartige Zusammenstellung, die dort anzutreffen ist, mit Tausenden von roten Grablichtern, die diesen Ort von innen heraus erwärmen, und deren Zahl von Tag zu Tag zunimmt, kleinen Briefen in Kinderschrift, Transparenten, Blumen und Kopien von Zeitungsausschnitten. Auch zwischen Mitternacht und ein Uhr, eine Woche nach den Attentaten, ist man dort nicht allein: Jugendliche, Paare, Gruppen, Alte, Arbeiter und Manager; nicht nur Nachtbummelnde bleiben stehen, schauen, lassen Botschaften zurück, suchen Feuerzeuge, um die ausgegangen Lichter wieder anzuzünden, die das Mitgefühl mit den Ermordeten und ihren Angehörigen ausdrücken.


Wer innehält und sich umschaut, kann dort das aktuelle Gefühlspanorama der Madrilenen entdecken: Fotos der Toten, Jesusbilder, selbst geschriebene Gedichte, Kränze aus Peru und Mexiko, Wandzeitungen aus Kolumbien und Rumänien, Gebete, Botschaften der Solidarität in Arabisch und aus Italien, Parolen wie "Frieden", "Nein zum Terrorismus", "Schluss jetzt", "Lasst uns das Leben lieben", Aufrufe zur Toleranz, gegen den Hass und für die Menschlichkeit, Zeitungsausschnitte, die von den "Abgebrochenen Leben" der Toten berichten ... Zwischen diesen Mitteilungen finden sich eine Minderheit von Botschaften, die erahnen lassen, warum die konservative Regierung wenige Tage nach dem Attentat abgewählt worden ist. Dort ist zu lesen: "Die Regierung lügt" und "Aznar, es war dein Krieg, aber es sind unsere Toten".

Reisende, die diesen Ort normalerweise so schnell wie möglich verlassen, verharren, vergessen die Eile, drücken ihren Schmerz und ihr Mitgefühl in diesem Herzen Madrids aus, mit stiller Trauer, Umarmungen, Tränen, die fallen, sich trösten und ermuntern; und das Aufnehmen der Botschaften in schweigender Anteilnahme.


Dieser Bahnhof ist normalerweise ein Ort des ungezügelten Lärms, mit Rufen in höchster Lautstärke. Er hat sich verwandelt in eine Kirche des Volkes, vielleicht der authentischsten dieser Stadt und des Landes. Es gibt niemanden, der Regeln für dieses Zusammentreffen festgelegt hat, alle Briefe, Mitteilungen der Trauer und des Mitgefühls, multikulturell wie die Ermordeten, bleiben so, wie sie dort abgelegt worden mit einer dominierenden, immer wiederkehrenden Botschaft: "Nein zum Terrorismus" und "Wir wollen nicht hassen"
Es weht ein sanfter, warmer Wind des Wandels in Madrid, und der Ort, von dem er ausgeht, ist der Bahnhof Atocha. Was für einen Wechsel es geben wird, und wie er umgesetzt werden wird, ist schwer zu prognostizieren. Aber für die neue Regierung bleibt eine wichtige Botschaft: Die Leute in Madrid, der wahren Kulturhauptstadt Europas dieser Zeit, wollen, dass die Verantwortlichen die Augen offen halten, zuhören und kommunizieren mit den Menschen, dem Geist und dem Herzen von Madrid, bevor sie ihre Entscheidungen fällen. Sollten die neue Administration das nicht berücksichtigen, dann wird die neue Regierung nur eine Episode in der Geschichte Spaniens bleiben

 

 

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