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Stefan Zweig, Texte

 

In dieser dunklen Stunde

 

 

Die Beschäftigung mit der Geschichte und die Auseinandersetzung mit der Gewalt in seiner Zeit war das zentrale Anliegen Stefan Zweigs. Seine Essays und Reden zeigen die sprachliche Kraft und sein Einfühlungsvermögen, mit der er verstand, die Leser und Zuhörer zu fesseln. In welchem Land er auch auftrat, mussten meist die größten Säle bereitgehalten werden.

In der hier dokumentierten Rede bei der Gründung des europäischen Schriftstellerverbandes in den USA am 15. Mai 1941 setzte er sich mit der Scham der deutschen Intellektuellen auseinander, deutsch zu sprechen und zu schreiben, in der gleichen Sprache, in der die Mörder des Nationalsozialismus ihre Verbrechen gegenüber aller Welt als gerechte Sache darstellen.


In dieser dunklen Stunde [1]

Im April 1941 nach New York zurückgekehrt, unterstützt Zweig die Hilfstätigkeit des Emergency Rescue Committee von Frank Dingdon, Hermann Kesten und Erika Mann. Bei der Gründung des European PEN in America liest er vor mehr als tausend Zuhörern eine Solidaritätsbotschaft und berichtet danach an De Souza: Wir haben 5600 Dollars für die Rettung der letzten exilierten Schriftsteller gesammelt.

Im März beginnen die USA, die Feinde Hitlers mit Waffen zu beliefern. In Salzburg wird von der Gestapo Zweigs und Friderikes Besitz versteigen. Dazu schreibt er an Friderike: "Es ist fast besser, alles schon glatt verloren zu wissen, statt darum ,jahrelang zu kämpfen und es doch zu verlieren. - Auch ich gebe ja in England alles verloren. Ich gehe wenig aus, ich kann nicht mit Menschen über die grauenhafte Lage sprechen: Amerika kommt zu spät."

Abdruck des Vortrags von Stefan Zweig anlässlich der Gründung des "European P.E.N. in America", im New Yorker Aufbau vom 16.05.1941. Stefan Zweig las dort vor mehr als 1000 Zuhörern.

 

Fragment

"Unter den europäischen Schriftstellern, welche diese Stunde vereinigt, um unser altes Bekenntnis zur geistigen Einheit zu bekräftigen, haben wir, die wir in deutscher Sprache schreiben, ein schmerzliches, ein tragisches Vorrecht. Wir waren die ersten, an denen sich jene Brutalität erprobte, die heute die Welt in Schrecken hält. Unsere Bücher waren die ersten, die auf den Brandstoß geworfen wurden. Mit uns wurde der Anfang gemacht jener Austreibung von Tausenden und Tausenden Menschen aus Haus und Heim. Es war zuerst eine harte Prüfung für uns.

Aber heute beklagen wir diese Ausstoßung nicht mehr. Denn wie könnten wir (...) vor uns selbst bestehen, wenn uns das Deutschland von heute geschont oder gar geehrt hätte? Unser Gewissen fühlt sich freier, sichtbar von jenen geschieden zu sein, die das größte Unheil der Geschichte über die Welt gebracht.

Aber so frei wir uns auch fühlen von aller Verantwortung für die Untaten, die heute im Namen der deutschen Kultur geschehen, so lastet doch der Schatten dieser Taten in geheimnisvoller Weise auf unserer Seele. Denn ihr, meine anderen europäischen Freunde, habt es leichter. Ihr könnt angesichts dieser grausamen Maßnahmen, welche die Würde der Menschheit erniedrigen, wenigstens stolz sagen: "Das sind nicht wir! Das ist ein fremder Geist, eine fremde Ideologie!"

Jedoch wir als Schriftsteller deutscher Sprache fühlen angesichts dieser Vergewaltigungen eine geheime und grausame Scham. Denn diese Dekrete sind in deutscher Sprache verfaßt, in derselben Sprache, in der wir schreiben und denken. Diese Brutalitäten geschehen im Namen derselben deutschen Kultur, der wir versuchten, mit unserem Werke zu dienen. Wir können es nicht leugnen, daß es unsere Heimat ist, welche diese Schrecknisse über die Welt gebracht. Und obwohl wir den Deutschen längst nicht mehr als Deutsche gelten, habe ich das Gefühl, ich müsse hier vor jedem Einzelnen meiner französischen, englischen, belgischen, norwegischen, polnischen, holländischen Freunde Abbitte leisten für all das, was heute seinem Volke im Namen des deutschen Geistes angetan wird.

Vielleicht verwundern Sie sich, daß wir nichtsdestoweniger fortfahren, in dieser deutschen Sprache zu schaffen und zu schreiben. Aber ein Schriftsteller vermag wohl sein Land zu verlassen, nie aber kann er sich lösen von der Sprache, die in ihm denkt und schafft. Es war in dieser Sprache, in der wir unser ganzes Leben lang gegen die Selbstvergötterung des Nationalismus gekämpft haben, und es ist die einzige Waffe, die uns geblieben ist, um weiterhin zu kämpfen gegen den verbrecherischen Ungeist, der unsere Welt verstört und die Würde der Menschheit in den Kot tritt."


Eines der letzten Fotos von Stefan Zweig

 

[1] Solidaritätsbotschaft von Stefan Zweig im Namen der deutschen Schriftsteller im Exil bei dem Bankett, das der amerikanische PEN-Club anläßlich der Gründung des European P. E. N. in America am 15. Mai 1941 in New York gab. Den vollständigen Text finden Sie in: Stefan Zweig: Schlaflose Welt. (Essays 1909 - 1941), Frankfurt/Main 1990, S. 276 - 278.

 

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